© Philipp Schäfer

Welcome to the Sea!

Die Hauptdarsteller

Ersatzfamilie für zwölf Tage


Derzeit nimmt die Digitalisierung und Automatisierung (Führerlose Schiffe) vollen Lauf. Auch die Seefahrt wird davon betroffen sein. Doch bis da hin ist hoffentlich noch ein weiter Weg, denn dann wäre es vorbei mit der Seefahrerromantik. Allerdings ist von dieser heute nur noch wenig vorhanden. Beim Ein-/Auslaufen und während der Liegezeit in den Häfen war die Stimmung von grosser Hektik geprägt und stressig. Auf der hohen See war dann eher das Gegenteil: Langeweile.

Doch wie viele Menschen arbeiten denn auf einem so grossen Schiff?

Die Anzahl der Mitarbeiter schwankt von Reederei zu Reederei und auch von Schiff zu Schiff. Grob gesagt sind es ca. 20 bis 30 Seemänner und Seefrauen pro Schiff.
Unsere Crew kam aus verschiedenen Ländern. Die ranghöhere Riege kam aus Osteuropa (nahezu ausschliesslich aus Kroatien), der grosse Rest von den Philippinen.

Das Zusammenleben auf dem Schiff ist sehr wichtig, denn man ist aufeinander angewiesen und man hat zudem keine Fluchtmöglichkeiten. Bei den meisten namhaften Linienreedereien haben alle Crewmitglieder jeweils eine eigene Kammer und somit eine Rückzugsmöglichkeit. Es gibt zwar viel Auslauf auf dem Schiff, doch die Unterhaltungsmöglichkeiten sind stark beschränkt. Auf unserer Fahrt war das einzige Freizeitangebot das regelmässig angenommen wurde das Fitnessstudio. Die Bars und Aufenthaltsräume waren meist leer und auch habe ich nie jemanden Basketball spielen sehen. Gemeinsame Grill-Events sind zwar sehr beliebt, leider kam ich aber in den zwölf Tagen nicht in den Genuss. Dazu gibt es einen Pool. Diesen hätte man erst aber mit Meerwasser füllen müssen. "Im Mittelmeer vielleicht" hiess es zu den anderen Passagieren.
Lediglich in den Häfen hörte man ab und an Karaoke-Klänge aus dem Aufenthaltsraum der Philippinos.

Damit aber das Zusammenspiel in jeder Situation angemessen läuft ist eine Hirarchie unumgänglich.

Obenan steht der Kapitän, der über das ganze Schiff das Sagen hat.


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Beim An- und Ablegen (wie hier beim Verlassen Rotterdams) war der Captain immer auf der Brücke und steuerte auch meist das Schiff.


Grob gesagt kann man die Mannschaft in zwei Bereich aufteilen: Den nautischen Teil (alles was auf der Brücke ist) und den technischen Teil (alles was mit der Maschine und dem Schiff zu tun hat).

Ich muss gestehen, dass ich zurückblickend meinen Fokus zu sehr auf den nautischen Teil beschränkt habe, da dieser mich am meisten interessierte. Daher möchte ich auf diesen zuerst eingehen.

Hier gab es dann die sogenannten Nautischen Offiziere, die das Kommando rund um die Uhr auf der Brücke hatten (wenn der Kapitän (wie meist) nicht dort war). Auch wenn ein Lotse an Bord ist muss immer zwingend ein Nautischer Offizier auf der Brücke sein.

Auf unserem Schiff gab es einen 1. Offizier (Chiefmate). Er war auch vor allem für alles Organisatorische zuständig: Die Staupläne der Container bearbeiten, Shuttle und Transfer organisieren und auch die Bestellung zum Beispiel von Treibstoff waren mit sein Aufgabenbereich.


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Auf der Brücke war er sehr selten anzutreffen. Seine Aufenthaltsbereiche waren vor allem das Officer-Office auf See (im G-Deck) und im Hafen das Schiffsbüro (im Upperdeck, oft mit Terminalmitarbeitern zusammen). Während des An- und Ablegens war er mit auf der Brücke.

Der "Chiefmate" hat das Sagen über alle Nautischen Offiziere sowie über den Bootsmann (Bosun) und der Matrosen.


Folgend gibt es auch die Zweiten und Dritte Offiziere. Bei CMA CGM ist es üblich, dass zwei "2nd Officers" sich an Bord befinden. Sie hatten im wesentlichen auch dieselben Aufgaben wie der "3rd Officer", also der Dritte Offizier.

Im "4-Stunden-arbeiten-8-Stunden-ruhen-Rhythmus" waren diese auf der Brücke zu finden auf See... Tag für Tag, Wochenende gibt es nicht.


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Mittlerweile keine Seltenheit mehr: Frauen fahren ebenfalls zur See. 2nd Officer bei der Arbeit: Hauptaufgabenbereich ist die Übernahme des "Nautischen Wachoffiziers": Instrumente und Anzeigen im Blick behalten und gemeinsam mit den Matrosen Ausschau halten.


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3. Offizier und Kadettin schauen zu, wie die beiden Elblotsen bei Cuxhaven von der CMA CGM Alexander von Humboldt auf den Lotsenversetzer übersteigen. In Europa ist die Stimmung zwischen Lotsen und Crew sehr locker. Dennoch schmeissen sich die Seeleute in Schale, wenn diese an Bord kommen. Auch die Kadetten (Auszubildende).

Auf See hatte man also meist den Zustand, dass drei Crewmitglieder auf der Brücke waren: Der Nautische Wachoffizier (durchgeführt von 2nd und 3rd Officer), ein Matrose der das Schiff steuert und auch Aufgaben der Aufsicht übernimmt sowie bei uns ein/e Kadett/in, welche/r das Schiffsbuch führte und die jeweilige Position auf der Seekarte verzeichnete (usw.).


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Matrose bei der Ausschau, die Nautische Wachoffizierin beobachtete das Radar in der Strasse von Gibraltar.


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Da die Crewmitglieder oft aus verschiedenen Ländern kommen erfolgt die Kommunikation meist auf Englisch. Hier ein Matrose/AB (Able-bodied Seaman) und 3rd Officer am Peildiopter.


Also befand sich auf See neben dem Nautischen Wachoffizier immer ein Matrose mit auf der Brücke. Er unterstützte den Nautischen Offizier am Ausguck und steuerte das Schiff auf der Revierfahrt im manuellen Betrieb. An Bord laufen die Matrosen als sogenannte "AB's" (Able-bodied Seaman, wir hatten drei davon an Bord).


//img.webme.com/pic/s/sea-trial/3291-Bridge.jpg "AB-2" steuert die Humboldt gerade auf der Revierfahrt aus Rotterdam in die Nordsee. Weiter auf der Brücke waren die Nautische Offizierin, der Kapitän und der Lotse, der das Schiff in Kürze wieder verlassen wird.


//img.webme.com/pic/s/sea-trial/5771.jpg Auch kleinere Aufgaben wie das Setzen der Flaggen gehört zum Aufgabenfeld von den Matrosen. Selten wurde dies auch von den Kadetten übernommen.


Und zu guter Letzt gab es noch den Nachwuchs auf der Brücke: Die Deck-Kadetten. Wir hatten zwei davon mit an Bord. Hierbei handelt es sich um Nautik-Studierende die hier ihre ersten praktischen Erfahrungen sammeln.


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Meist verbrachten sie diese Zeit im Backoffice und führten das Schiffsbuch und bearbeiteten die Seekarten.


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Vor der harten Arbeit noch ein wenig Erholung.


Nun gehen wir nochmals zurück zum Ersten Offizier. Ihm ist ebenso der Bootsmann unterstellt, der sogenannte "Bosun". Er ist verantwortlich über alles was auf dem Schiff (aber nicht an der Maschine) anfällt. Er ist der Deckmannschaft überstellt.

Ihm habe ich leider keine grosse Aufmerksamkeit geschenkt. Dies ist auch daher geschuldet, dass ich mich auch erst am letzten Tag etwas mit der Rollenverteilung auseinandergesetzt hatte. Zuvor unterschied ich einfach zwischen Crewmitglieder mit Overalls (technischer Bereich) oder in zivil/Uniform (nautischer Bereich).

Bleiben wir einmal bei der Deckmannschaft und widmen wir uns der Maschine am Schluss.

Weiter gibt es den Deck Fitter. Übersetzt ist es in etwa der Schiffsmechaniker, der dem Bosun unterstellt ist.

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Der Deck Fitter zeigte uns das Innenleben des Schiffes und führte uns zum Maschinenraum. Hier öffnete er gerade die Klappe zum Lotsen-Einstieg.


Eine weitere Kategorie sind die sogenannten Ordinary Seamen, auch "O. S." genannt. Davon hatten wir drei an Bord. Es handelt sich übersetzt in etwa von Leichtmatrosen, die einfachere Tätigkeiten an Bord vornahmen.


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Deckkadett und ein Leichtmatrose wohlgelaunt beim Mooring in Rotterdam.



An der "untersten" Stufe angesiedelt sozusagen sind die sogenannten "Oiler" und "Wiper" (Öler und Wischer). Bei CMA CGM gab es keine Wiper (die stellenmässig noch unter den Oiler angesiedelt sind), wir hatten dafür drei Oiler.



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Die Oiler helfen ebenso wie die restliche Mannschaft beim Mooring, hier beim Anlegen in Rotterdam, bei bester Laune.


Eine weitere Stellung nimmt der sogenannte "Reeferman" ein. Wie der Name schon sagt ist er der Herr über die ganzen Reefer (Kühlcontainer). Die CMA CGM Alexander von Humboldt verfügt Anschlüsse für 1.200 Kühlcontainer. Diese werden mit Strom versorgt, damit eine durchgehende Kühlkette garantiert werden kann. Und dies gilt es besonders zu überwachen. Er läuft ab und zu zwischen den Containern durch und überprüft die jeweiligen erforderlichen Temperaturen bzw. ob die Anschlüsse richtig und noch fest sind. Viel wird heute schon fernüberwacht.
Auch ihm habe ich leider keine Aufmerksamkeit geschenkt.


Kommen wir nun zum Herz des Schiffes, der Maschine.
Hier statte ich nur einmal einen kurzen Besuch ab und habe deswegen so gut wie keine Bilder von den Tätigkeitsfeldern dort. Zudem war bei dieser Mannschaft dort das Fotografieren eher unerwünscht, was ich natürlich respektierte.


Hier gibt es erstmals den Chief Engineer, der Leitende Ingenieur über die Maschine. Ihm sind weitere Technische Ingenieure unterstellt, in unserem Fall der "2nd Engineer", der "3rd Engineer" und auch der "4th Engineer".

Der Leitende Ingenieur ist dem Kapitän unterstellt. Er berichtet ihm über Lage und Stand.

Weiter hatten wir auch einen Elektrischen Offizier an Bord, welcher für die gesamte Elektrik an Bord verantwortlich war.

Analog zum Schiffsmechaniker gab es auch einen Maschinenmechaniker.
Die oben erwähnten Oiler sind auch eher bei der Maschine zu finden.

Auch bei der Maschine gibt es Kadetten, die sogenannten Engine Cadets. Hier hatten wir ebenfalls einen an Bord. Er verbrachte aber die ganze Zeit wie seine Kollegen meist "unter Tage".

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Eher selten bekam man ihn zu Gesicht, zum Beispiel als er das Rettungsboot überprüfte.


In Summe hatten wir also:

Einen Kapitän
Einen 1. Nautischer Offizier
Zwei 2. Nautische Offiziere
Einen (bzw. bis Le Havre zwei, "Schichtwechsel") 3. Nautische Offiziere

Einen Chef-Ingenieur
Drei weitere Technische Offiziere
Einen Elektrotechnikoffizier

Einen Bootsmann (Bosun)
Einen
Schiffsmechaniker (Deck Fitter)
Einen Maschinenmechaniker (Engine Fitter)

Drei Matrosen
Drei Leichtmatrosen

Drei Öler

Einen Reeferman

Und den allerwichtigsten habe ich noch ausser vor gelassen: Der Koch zusammen mit dem "Messman" (der ihn unterstützte). Er sorgt für das leibliche Wohl und ist somit die allerwichtigste Person. Ist das Essen schlecht, wirkt sich dies sofort auf die Stimmung und auf die Qualität der (Zusammen-)Arbeit  und des Zusammenlebens aus!

Somit kommen wir bei der CMA CGM Alexander von Humboldt auf eine Stammbesatzung von ca. 25 Seemänner und -frauen.

Weiter hatten wir die drei besagten Kadetten an Bord, zwei für den nautischen Bereich (Deck Cadet) und einen Engine Cadet für die Maschine.

Macht folglich 28 Mann und Frau. Allerdings ohne Gewähr, es gab oft Wechsel an Personal, dass der Neue schon im Hafen zuvor einstieg und der Alte erst zwei Stopps weiter das Schiff verliess (so war es zwischen Hamburg und le Havre beim 3. Nautischen Offizier, auf dieser Strecke hatten wir davon zwei an Bord. Weitere Wechsel bei den Technischen Ingenieuren und bei der Deckmannschaft habe ich nur grob im Blick. Der erste Ingenieur hat in Le Havre ebenfalls gewechselt).

Ab 30 Mann/Frau Besatzung gibt es bei CMA CGM zusätzlich zum Koch und Messman einen Steward. Dieser kümmert sich um den Service beim Essen in der Offiziersmesse und macht dazu hin auch das Housekeeping für die Kammern.

Durch die Mitnahme vierer Passagiere (meine Wenigkeit mit einberechnet) war diese Zahl bis Malta überschritten, wo alle vier von Bord gingen. Dadurch hatten wir bis Marsaxlokks einen Steward mit an Bord, der mit uns in Malta ebenfalls von Bord ging. Somit waren insgesamt (den Kollegen vom Schiffs-TÜV (Klassifizierungsgesellschaft Bureau Veritas mit eingerechnet) 34 Seeleute und Landratten an Bord.



Je nach Rang sind die Seeleute unterschiedlich lange unterwegs. Kapitäne können teilweise nach drei Wochen wieder ihre Heimreise antreten und nach drei Wochen Ferien wieder auf das Schiff zurückkehren. Andere wie beispielsweise der Koch müssen teilweise bis zu acht Monate auf dem Schiff durchhalten. Eine sehr lange Zeit. In diser schafft man knapp drei Mal den Rundlauf China - Europa und zurück.

Wochenenden gibt es auf See nicht, ebenso wenig einen klaren Feierabend. Fallen Arbeiten an, müssen diese erledigt werden.

Beim Anlaufen und Auslaufen in Häfen ist nahezu die gesamte Besetzung gefragt.


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2nd Officer auf dem Weg zur Manöverstation achtern, kurz vor dem Ablegen in Hamburg.


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Wir nähern uns Marsaxlokks. Für ein Gruppenfoto waren nahezu sämtliche Crewmitglieder in Schale gelegt. Der Captain unterhält sich mit einem Mitarbeiter der Klassifizierungsgesellschaft (Bureau Veritas, "Schiffs-TÜV"), der 2nd Officer hat gerade das Kommando auf der Brücke und der "AB" hält den Ausguck.


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Wenige Zeit später kamen die Lotsen an Bord. Der Matrose steuert das Schiff manuell, der Chief Officer/Chief Mate hat ebenso bereits die Brücke betreten.



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Von knapp 30 Seeleuten waren bei unserer Fahrt zwei Frauen mit an Bord: Eine nautische Kadettin und die zweite Nautische Offizierin.


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Kurz vor Malta gab es noch ein Gruppenbild auf der backbordseitigen Brückennock. Nahezu die komplette Mannschaft war versammelt, nur wenige Mitglieder fehlten: Der Messman kümmerte sich wohl anstelle des Kochs (hier vertreten) ums Essen, der Elektrotechnikoffizier blieb wohl bei der Maschine und zwei Öler konnten sich ebenfalls erfolgreich vor dem Foto retten.



An dieser Stelle ein ganz grossen Dankeschön an die komplette Crew, die mir all diese tollen Momente ermöglichten. Es war eine meiner besten Zeiten des Lebens, die zwölf Tage, als ich ein Teil eurer Seefahrerfamilie sein durfte!








© Philipp Schäfer