© Philipp Schäfer

Welcome to the Sea!

Diesel und Hühnchen (Embarkation)

Tag 1: 28.04.2017 Diesel und Hühnchen


Ursprünglich wurde mir der 28. April als Ankunftsdatum genannt, dann aber auf den 27. korrigiert. Letztendlich gab es wohl wieder einige Verzögerungen, so dass das Schiff erst in den frühen Morgenstunden in der schönen Hansestadt eintraf. Glücklicherweise sollte es dort sonnig werden, also Wecker gestellt, früh raus an die frische Luft. Da mir das Willkommhöft zu weit draussen war und es abgesehen davon dort noch kritisch mit der Sonne gewesen wäre, ging es nur zum berühmten Strand gegenüber dem Waltershofer Hafen. Ich wollte den Drehmanöver mir nicht entgehen lassen.

Als das Schiff dann über den Büschen auftauchte verschwand die Sonne und lies sich natürlich erst wieder blicken, nachdem der Kahn hinter den Kaianlagen verstaut war. Am Folgetag versuchte ich ebenfalls nochmals Aufnahmen von aussen zu bekommen, was nur teilweise glückte. Also zurück ins Hotel und packen, letzte Sachen abklären und via Harburg und Taxi zum Waltershofer Hafen.



Heckschlepper Bugsier 7 hat am Bug fest gemacht



Die Wasserschutzpolizei sperrt die Elbe


Währenddessen begann um 8:30 Uhr die Entladung der Container, die ersten Kisten gingen bereits um 16 Uhr an Bord. Gefühlt wurde das Schiff nahezu komplett leer gemacht (zumindest über Deck) und neu beladen. Aber es blieb dennoch einiges an Bord aus den vorherigen Häfen.

Im Büro von HHLA wurde ich von einem sehr freundlichen, mit von Humor geladenen Ur-Hamburger in Empfang genommen. Hier musste ich abermals einige Formulare ausfüllen (zum Betreten des Terminalgeländes, etc.) und bekam eine Handynummer. Ich soll das Schiff anrufen. Ok, ein Schiff anrufen... . Etwas unsicher versuchte ich Kontakt aufzunehmen und erklärte auf Englisch, dass ich der neue Passagier bin. Die Gegenseite war nicht sehr gesprächig, es gab lediglich ein sehr freundliches „Welcome on Board“ vom 1. Offizier.

Nach Rückmeldung an den HHLA-Mitarbeiter wurde sofort ein Shuttlebus organisiert und brachte mich vorbei an Containerstapeln, Vancarrier und sonstiges durch die Containerbrücken zum Liegeplatz 3/4 an die Gangway. Dort wartete der Fahrer, bis ich von der Crew in Empfang genommen wurde. Ein Filipino kam mir entgegen und nahm mir freundlicherweise den Koffer ab. Zuerst wurde ein kleiner Steg betreten, der auf der unteren Plattform der Gangway auflag. Es war eine sehr wackelige Angelegenheit. Anschliessend ging es den Steg hinauf mit 80 Stufen. Diese waren vorn und hinten jeweils nach unten gewölbt, so dass es etwas ungewohnt zu laufen war… und prompt landete ich etwas im Fangnetz. Oben angekommen musste ich mich in ein Buch eintragen und wurde vom 2. Offizier auf meine Kammer gebracht. Ok, Kammer ist eher untertrieben, wenn es auch eigentlich so heisst, es war eher eine Suite. Luxuriöse 26 m² standen mir zur Verfügung mit allen denkbaren Annehmlichkeiten: Sofa, Sessel, Schreibtisch mit Stuhl, Kühlschrank, Bad mit WC und Dusche sowie ein breites Bett. Dies war zwar bloss eine Holzplatte, dennoch konnte ich besser darin schlafen als in den meisten Hotels bisher.


Meine Kammer.


Nachdem mir das nötigste auf die Schnelle erklärt wurde, war ich erstmals mir selbst überlassen. Eine grosse Begrüssung darf man auf einem Containerschiff nicht erwarten, da die gesamte Crew im Stress mit der Ladung war. Es ist schliesslich ein Containerschiff.

Als ich auf der CMA CGM Alexander von Humboldt ankam, war gerade Totenstille im Terminal Burchardkai. Kein Container ging von Bord, keiner wurde geladen. Auch Van Carrier fuhren nur sehr wenige. Hätte ich mir ehrlich gesagt anders vorgestellt. Es war kurz nach 14 Uhr.



Fahrzeug im Terminal: Farzeuge für "Spezialcontainer" und Vancarrier (rechts).



Blick aus meinem Fenster (steurbordseite).


Langsam wagte ich mich auf den Korridor. Auf dem Zettel im HHLA Büro standen zwei weitere Herren als Passagier aufgeführt. Da auf dem F-Deck, das Deck mit den Kammern für die Passagiere, nichts los war, ging ich ein Deck nach unten. Der erste Kontakt zur Crew war leider nicht ganz wie erhofft. Ich begegnete einem älteren Mitarbeiter und stellte mich freundlich als neuer Mittreisender vor. Die Antwort war prompt „Passenger one up“. Das kann ja heiter werden. Dennoch zeigte mir der Herr, wie man genau die Aussentüren öffnet. Zwei Hebel und zwei Drehschlösser wovon nur eines von aussen aufschliessbar war. Das andere durfte sowieso nur auf Anordnung des Kapitäns verschlossen werden.

Also betrat ich das erste Mal das Aussendeck. Ich hätte es mir viel rutschiger vorgestellt, aber es war noch vorwiegend trocken. Der Geruch aussen war höchst interessant. Es roch nach Diesel und Hühnchen. Leider war ich nur auf der Steuerbordseite, so dass ich nicht sagen konnte, ob in Hamburg gebunkert wurde (neuer Treibstoff, Schweröl und Diesel). Ein leichter Dieselgeruch lag meist auf den beiden Aufbauten am Steuerhaus und am weiter hinten gelegenen Schornstein. Der Hühnchengeruch kündigte das anstehende Dinner (Abendessen) an, welches für 18 Uhr bis 19 Uhr vorgesehen war. Bei der Rückkehr auf meine Kammer entdeckte ich eine offene Tür und ein neues Gesicht. Ich stellte mich kurz vor, dass ich der neue Passagier bin. Ich hatte schliesslich keine Ahnung, wie viele Mitstreiter ich haben würde. Schnell stellte sich heraus, dass der Herr ebenfalls erst heute angereist ist und aus Deutschland kommt, so konnten wir sofort von Englisch auf Deutsch wechseln. Nachdem die Frage der Herkunft detaillierter geklärt war, war eine Unterhaltung auf Schwäbisch möglich, denn der Herr und sein Begleiter wohnen nur ca. 50 km von meinem Heimatdorf entfernt. Wie klein manchmal die Welt ist.

Als ich zurück in meiner Kammer war kam plötzlich ein Regenguss. Zudem war wohl der Schichtwechsel vorüber. Nach und nach setzte sich die Terminaltruppe in Bewegung. Die Vancarrier kamen und holten die entladenen Container, ein Gewusel wie auf einem Ameisenhaufen. Die riesigen Containerbrücken holten etwa im Minutentakt Container vom Schiff. Lukendeckel wurden geöffnet, schwebten zackig an meiner Nase vorbei und die unter Deck verstauten Container gelöscht. Darunter auch „special Cargo“ auf Flatcontainern. Auch nach dem Regenguss war das mittlerweile nasse Aussendeck nicht rutschig.



Die Offiziersmesse: Hier sass die osteuropäische Crew, am vorderen runden Tisch die drei Kadetten, am hinteren die Passagiere. Der vorderste Platz mit Blick aus dem Fenster steuerbordseitig war meiner.


Kurz nach 18 Uhr traf ich dann in der Offiziersmesse ein, wo die Malzeiten zugenommen wurden. Den Ort kannte ich von meiner Besichtigungstour zuvor schon. Hier lernte ich auch meine beiden anderen Mitreisenden kennen: Der andere Schwabe so wie ein Berufsfotograf aus Lausanne, der im Auftrag von CMA CGM, der Reederei, Bilder machte und die Zeit nachts für ein eigenes Projekt nutzte. Wir waren eine lustige Truppe.

 

Da ich nun auf dem Schiff war und die Innenstadt nur schwer zu erreichen war (Taxi oder mit Bushaltestelle etwas weiter weg), beschloss ich, den Abend auf dem Schiff zu verbringen. Hierbei wurden dann die ersten Nachtbilder angefertigt. Die Temperaturen, vor allem der Wind in knapp 60m Höhe, zwangen mich dazu, 5 T-Shirts, Pullover, Jacke und Warnweste anzulegen. Es war dennoch eine schöne Stimmung verbunden mit einem Highlight: Die MSC Maya kam rückwärts in den Waltershofer Hafen zum Liegeplatz am Eurogate Terminal. Für Schiffe dieser Grösse (bis zu 23 Containerstapel nebeneinander/Bay und einer gewissen Höhe) gibt es derzeit nur die beiden Terminals (HHLA Burchardkai und Eurogate) im Waltershofer Hafen. Das HHLA Terminal Tollerort wird derzeit um neue Containerbrücken erweitert, Made in europe (keine Fertigware aus China).
 
 

Containerballett in Hamburg.



Plötzlich wurde es ruhig im Hafen, nach und nach hebten sich die Containerbrücken. Ein gigantisches Schauspiel. Die Ausmasse der gewaltigen Kräne werden erst so richtig von der Höhe vom Schiff aus bemerkbar. Da sich wirklich alle Brücken hebten wurde kurz gerätselt warum. Abfahrt soll ja erst 1,5 Tage später sein, also am übernächsten Tag. Nachtruhe im Hafen? Das wäre neu. Der Grund liegt wohl darin, dass aus Sicherheitsgründen für die MSC Maya der Weg frei gemacht werden musste (dies war unsere einzige plausible Erklärung, denn danach ging's sofort weiter).



Die MSC Maya kommt.



Alle Containerbrücken klappen hoch.



Rückwärts einparken XXL.



Ein echter Gigant! Nach "uns", Maersk Triple E und der CSCL Globe war die Maya (ein Schiff der Olympic-Klasse, Typenschiff MSC Oscar) für einige Zeit das grösste Schiff der Welt.



Gleich ist es geschafft.



Sonnenuntergang über der Elbe.



Ein Feeder haut ab.



Es wird dunkel. Blaue Stunde.



Taghell beleuchtet.


Ich war dann gespannt, wie es sich schlafen lässt, bei all dem Lärm. Doch die Kammer war erstaunlicherweise sehr schalldicht. Ich hatte das Glück, eine Aussenkammer zu besitzen, so dass ich auch bei einer möglichen vollen Beladung immer einen Ausblick hatte. Im Hafen beschloss ich aber, die Rollos zuzuziehen, da das grelle Licht des Terminals meine Kammer bestens ausleuchteten. Die Stimmung im Hafen vermisse ich noch heute. Ein leichtes Rauschen von Lüftern, alle Minute ein "klack" von der Uhr und die fernen Geäusche des Terminals: Containerknallen (manchmal bebte sogar das Schiff!), Alarmtöne (z. B. wenn sich die Containerbrücken bewegten), die Motoren der Vancarrier, ... und vieles mehr!



Bunte Kisten soweit das Auge reicht.



Knallhell beleuchtet...



Eines meiner liebsten Bilder: Hier werden die Dimensionen ersichtlich: Das graue ist ein Kompass für einen Sextant. Die runde Scheibe befindet sich nur knapp unter meiner Augenhöhe!



Containerballett.



Das "Wheelhouse" von der Nock (backbordseitig) gesehen.






Die Lashing-Plattform: Das rote ist der terminaleigener Behälter für die schiffseigenen Container Ship Gear Boxen (beinhalten die Twistlocks mit welchen die Container untereinander befestigt werden).



Der Bordkran, steuerbordseitig.



Die Lasher öffnen Twistlocks mit Stangen.



Wasser strömt von den Containern am Kran. Der Wolkenbruch hat Spuren hinterlassen.






Der letzt Kurs.








© Philipp Schäfer