© Philipp Schäfer

Welcome to the Sea!

Gibraltar

 

Tag 10: 7.05.2017: Gibraltar – und volles Programm

 

Früh wurde ich aus dem Schlaf gerissen. Voller Anspannung „erklimmte“ ich das Fenster. Es war zappenduster. Doch es war Land in Sicht! Afrika. Lichter an der Küste und ein Meer von weiss blinkenden Bojen. Es war ein einzigartiges Schauspiel. So wie es aussah fuhren wir weiterhin unseren strammen Kurs mit knapp 20 Knoten. Ich beschloss dennoch, eine Stunde hin zu liegen. So schnell wird es nicht hell, ehe ich mich auf die Brücke begab (in Hamburg war um diese Zeit schon Dämmerung).

Dort angekommen hatte gerade die zweite Offizierin Dienst (welche am Vortag witzelte, dass wir schon den „Fahrplan“ kannten).



Elektronische Seekarte.

Apropos Fahrplan. Der Containerverkehr zwischen Asien und Europa besteht aus Liniendiensten. Das heisst die Containerschiffe fahren nach einem strikten Fahrplan immer wieder dieselbe Strecke. Unser Umlauf, der FAL 1 (French-Asia-Line, ein Umlauf der alten „sterbenden“ Allianz Ocean-3 mit UASC und COSCO Shipping) verkehrt im Wochentakt. Das bedeutet ca. sieben Tage nach uns fuhr die CMA CGM Vasco da Gama auf unserer Linie (sie ist das letzte Schiff der Allianz und steuert deshalb letztmals Marsaxlokk an, der Halt wird dann gecancelt). Es gibt deshalb auch auf der See fix zugewiesene Trassen für die Schiffe analog im Bahn- oder Flugverkehr.

Langsam wurde es auch hier heller. Auf der europäischen Seite war alles in Nebel gehalten, in Afrika war es klar.

Letztendlich war es halb so spektakulär. Land links und rechts hatten wir auch auf der Elbe. Dennoch war es landschaftlich, zumindest das was man sah, sehr hübsch. Felsen prägten das Bild der Küste von Marokko. Nach dem Hafen von Tanger leuchtete ein grosser arabischer Schriftzug auf dem Felsen. Lesen konnte ich es nicht und die diensthabende Kadettin war gerade am Arbeiten.



Morgenrot.



Die Felsen von Gibraltar.



Tanger Med, Hafen.



Eine Nebelwand erwartet uns zögerlich.



Blick zurück auf Tanger.



Die markanten Felsen und unser Aussenpult.



Under Way Using Engine.


Weiter fuhren wir allmählich in die Nebelwand. Wir mussten aufpassen, da hier viele Frachter auf freie Liegeplätze im Hafen von Algeciraz warteten. Da ist Radar Gold wert.

Nach kurzer Zeit lichtete sich der Nebel doch über Spanien blieb ein Dunst. Hier sah man wieder mal ein paar andere Schiffe. Die CSCL Arctic Ocean passierte voll beladen am Horizont, gefolgt von einem OOCL Megaboxer noch in der G6 Allianz. Nach wenigen Minuten auf der Nock begrüsste mich auch der erste Delfin. Er schwamm etwas verpeilt im Kreis. Wahrscheinlich hat er am Bug gespielt und musste sich erstmal wieder erholen. Das Mittelmeer ist ja bekannt für reiche Delfinbestände. So hoffte ich, mein "Traumbild/-Video" doch noch zu bekommen.

Nach dem Frühstück wollte ich zusammen mit einem anderen Passagier zur Maschine. Ich war bisher noch nie unten, der andere nur im Hafen. Also erst auf die Brücke, den diensthabenden 3. Offizier fragen. Dieser war stets sehr nett und kooperativ und versuchte, jeden Wunsch zu erfüllen. Er beschrieb mit einen Weg, zum Lowerdeck, dann eine Tür rechts, dem gelben Strich folgen und wieder rechts in ein Büro. Naja, wird schon klappen, einfach runter zum Treffpunkt. Mit Helm ausgestattet ging es dann im Lift ins Lowerdeck. Erstmal sah hier alles aus wie gewohnt. Zufälligerweise kam gerade ein überfreundliches Crewmitglied ums Eck, mit weissem Kopftuch und Helm darüber und blauem CMA CGM Overall. Er fragte prompt ob er helfen kann und als wir sagten „We want to see the engine“ war er gleich voll begeistert und stürmte los. Durch eine unscheinbare Tür ging es in eine fremde Welt: Dem Stahlgerippe des Schiffes! Wir stiegen durch ovale Löcher, aber es war alles gepflegt und sauber grau lackiert. Weiter ging es über und unter Rohre hindurch zu einer weiteren Tür, welche uns zum Passway auf der  Steuerbordseite brachte. Noch waren wir quasi auf der Höhe des Deckshaus. Und hier war er nun, der endlose Gang mit dem gelben Streifen. Laut 3. Offizier werden hier sperrige Güter verschoben, da auf dem Upperdeck kein Platz vorhanden ist (z. B. Taue von Achtern zum Bug). Aber es gab riesige Schwellen hier, von dem her ist der Rollwagen hier nur bedingt eine Lösung.

Unser Filipino stürmte voraus, legte plötzlich eine Vollbremsung ein, drehte sich um und fragte freudig grinsend: „Wanna see the pilot’s entrance?!“ Of course!

Er ging wenige Schritte zurück, stauchte mit seinen Sicherheitsschuhen gegen ein schwarzes „Handrad“ auf dem Boden und öffnete eine Luke. Danach verschwand er einfach „Follow“. Also hinterher… vorsichtig mit der Kamera die Leiter hinab (ja, ich bin nicht schwindelfrei, aber es ist kein Problem). Danach ging es noch eine kleine Treppe hinab zu einer kleinen Tür. Dahinter verbarg sich eine Kammer. Links davon ein Tor… eher ein Portal… es sah gigantisch aus. Die ganze Mechanik. Wahnsinn. Von hier aus waren es derzeit noch ca. 2-3m bis zur Wasserkante. Sonst war bis auf einem kleinen Steuerungskasten dieser Raum leer. Dafür hing an der Decke eine riesige Rolle. Aufgewickelt war die Lotsenleiter mit den einzelnen Stufen und den längeren dagegen (gegen das Verwinden). Es ist so schon logisch aufgebaut und hätte man auch so erwarten können, dennoch hatte ich es mir anders vorgestellt, bzw. ich hatte eben halt keine Vorstellungen davon. Also zurück. Nächster Punkt war das Mooringdeck hinten. Hier machten wir auch kurz Halt. Der Basketballkorb ist immer wieder faszinierend. Ob man hier auch Netze an die offenen Stellen macht? Andererseits, es hat so viel Platz… wenn man ein wenig aufpasst müsste es klappen.

Die dicken Taue, Trossen, Winden, Poller und Seile kannte ich ja bereits. Dennoch war es hier wie in einem Dom. Eine riesige grosse Halle, nach hinten und zur Seite etwas offen. Das Dach bestand aus Containerstapeln.

Weiter ging es zum steering gear room (Rudermaschinenraum). Hier befand sich der Antrieb für das Ruder. Klar, grosses Schiff, grosses Ruder, grosser Antrieb. Das Ausmass war etwas grösser als eine Garage!

 

 

* Die Bilder von Maschine und Co gibt es dann unter diesem Link *

 

Von hier aus konnte man durch ein Gitter nach untern zur Maschine schauen. Noch sah sie überschaubar aus. Unser Trip endete vorerst im Büro der Ingenieure. Er übergab uns an den Chief engineer. Nachdem wir eine Einweisung und Gehörschutz erhalten hatten, ging es hinab. Bisher war es zwar recht laut, dennoch erträglich.

Mit "wenigen" grossen Stufen gelangte man dann ins Herz des Schiffes. Erst einmal kamen wir auf die oberste Etage des Motors. Drei Etagen gab es, also so gross wie ein grosses Einfamilienhaus. Hier konnte man gut die 14 Zylinder sehen. Eine Zylinderkopfabdeckung lag auch in der Ecke. Man kann diese auch als Kinderplantschbecken im Schwimmbad verwenden…

Auf die technischen Details möchte ich dann unter obigem Link eingehen.

Weiter ging es die anderen beiden Etagen hinab und zu weiteren Elemente der Maschine. Natürlich alles überdimensional!

Ein Highlight war für mich die Welle. Sie drehte sich aktuell mit 78 Umdrehungen pro Minute. Ganz schön gewaltig. Die Schiffsschraube hat ebenso riesige Ausmasse. Gewicht + Ausmass Propeller.

Übrigens hat die CMA CGM Alexander von Humboldt bereits die zweite (optimierte) Schraube und auch eine neue Nase bekommen (einiges schlanker).

Auf der untersten Ebene waren noch die Luftfilter zu sehen.

Viel zum Reden kam man hier nicht, ohne Gehörschutz war man wirklich aufgeschmissen. Habe mir kurz erlaubt einen anzuheben. Das hält man nicht lange aus!

Oben angekommen war es Zeit für das Mittagessen. Viel Interview gab es leider nicht und hatte später auch nicht gross die Muse, nachzuhaken. Die Ingenieure sah man nur immer kurz beim Essen und waren sofort wieder in ihrem Element.

Nach dem Mittagessen meldete ich mich sofort ab und ging vor ans Bug. Delfine? Fehlanzeige.

Etwas gelangweilt hing ich an der Reling. „Fotografiere ich halt den Vogel“.

 

Wie ich abdrückte, merkte ich, da passt was nicht. Das war ein Fisch! Ein fliegender Fisch! Dass es so etwas im Mittelmeer gibt! Gigantisch!



Fliegender Fisch im Mittelmeer!
 

Plötzlich trieben zwei grosse Körper im Meer. Zu gross für Delfine. Die Schwanzflosse kam leider nie aus dem Wasser, aber es waren eindeutig Wale! Ca. 200m vom Schiff entfernt (oder mehr, kann man so schwer einschätzen). Spätestens beim Anblick einer spitzen Rückenflosse weit hinten war es klar: Es war ein Wal.



Finnwale gesellten sich plötzlich zur CMA CGM Alexander von Humboldt.



Und jetzt noch ein Pottwal? Nahezu zur selben Zeit! Die Narben könnten von Kämpfen mit ekelhaften Kalmaren stammen... Wahnsinn wie viele Wale sich hier auf einmal tummeln. Aber rausgesprungen ist leider keiner. Ein Buckelwal wäre natürlich der Hit gewesen (Blauwal war durch den Finnwal quasi schon halb abgedeckt, die Biester werden ja auch knapp 30m lang).



Fusion: Hapag-Lloyd hat jüngst die United Arabic Shipping Company "einverleibt". UASC hat eine sehr moderne Flotte, viele ULCV von 14.000 TEU, 15.000 TEU und mit den fünf Schiffen der Barzan-Klasse auch 19.000 TEU. Dies kommt Hapag-Lloyd sehr entgegen, wo die Hamburg Express Klasse (siehe die Ludwigshafen Express bei Begegnung in Cuxhaven unter Tag 3 "Nordsee") bisher das Maximum darstellt. So müssen sie selbst keine ULCV mehr bestellen.
 

 

Die beiden Schwaben statteten ebenso ein Besuch ab. Mit Fernglas und Buch ausgerüstet machte man es sich irgendwo bequem. Lang dauerte es nicht und die ersten Delfinschulen wurden gesichtet.

Für gute Fotos hat es leider nie gereicht, da das immer sehr schnell ging. Und natürlich meist, wenn man am Objektivwechsel war oder in der Ferne ein Megaboxer auftauchte. Die Hapag Lloyd Colombo Express (kein Megaboxer) hatte uns bereits zum zweiten Mal überholt. Wahrscheinlich hatte sie einen kurzen Stop eingelegt. In der Ferne zog eine UASC Kiste gen Gibraltar auf Backbordseite. Ich stritt mich mit meinen Mitreisenden, die behaupteten, die Kiste wäre grösser als wir. Doch es war keine Barzan-Klasse, daher lagen sie falsch und konnten behaupten was sie wollten. Unser Pott hatte zwei Containerbays mehr. Wer mehr Container geladen hatte, sei dahin gestellt. In diesem Fall wohl wirklich die UASC Kiste (die schon unter der neuen THE Alliance fuhr). Die war randvoll geladen. Wahrscheinlich gingen sie deswegen aus, dass das Schiff grösser sei. Und immer wieder tauchten Delfine auf.



Ganz schön voll die Kiste. Sie hat schon die Ladung der neuen Allianz "THE Alliance".

   

Eine Schule Gemeiner Delfine. Leider sind meine Delfinbilder meist wenig ansehnlich...

Auf der Steuerbordseite tauchte dann eine schöne von Enesel gecharterte Evergreen-Kiste der Thalassa-Hellas-Klasse auf. Leider im totalen Gegenlicht.

 

Die beiden Schwaben verabschiedeten sich zum Nachmittagsschlaf und ich nur kurz alleine, da kam der vierte Passagier. Er blieb nicht lange und ich wollte auch langsam gehen. Seit ca. 90 Minuten kein Delfin mehr, höchstens in der Ferne (da wurde Gischt und Delfin oft verwechselt, da täuschend ähnlich). Ich stieg nochmals auf die Kante und hing mich etwas über die Reling, … und siehe da, man glaub es kaum: Schatten im Wasser! Es sah aus als ob hier Kühe schwammen. Kamera hochgerissen, eingestellt und prompt hüpften die ersten Delfine aus dem Wasser. Yeah, das hat gesessen. Danach noch ein kurzes Video und ich ging ohne nochmals einen Rundcheck am Horizont machen zum Abendessen.



Ein weiteres Highlight!



Putzige Tierchen: Blau-Weisse Delfine.

Und noch in Bewegung: Delfine spielen am Bug:



Anschliessend meldete ich der zweiten Offizierin meinte Rückkehr und musste prompt von einem Steuermann erfahren: Ich habe die MOL Triumph verpasst. Vollbeladen, im Abstand von drei Seemeilen passierte sie uns auf der Backbordseite. NEIN! Das war bitter. Vor einer Woche war sie noch das grösste Schiff der Welt. Ihr Ziel war Southampton und anschliessend Hamburg. Sie ist das erste Containerschiff mit einer Kapazität über 20.000 TEU und damit auch das erste mit geteiltem Aufbau überhaupt von der Reederei MOL.

Zum Zeitpunkt war sie schon nicht mehr das grösste Schiff der Welt, da die dänische Reederei die Madrid Mærsk ins Rennen schickte. Als die MOL Triumph Hamburg erreichte war sie sogar nur noch auf Platz drei, also ein sehr kurzer Triumph. Denn OOCL taufte die OOCL Hong Kong. Diese wird (wie die Madrid Mærsk) nicht nach Hamburg kommen, dafür nach Wilhelmshaven zum Jade Weser Port. Andere Schiffe der Madrid-Mærsk-Klasse erreichen dagegen auch deutschen Boden.

Dies versemmelte mir leider etwas die Stimmung, es wäre schon was einmaliges gewesen, zumal ich immer die AIS-Bildschirme mit den Schiffen in 150 sm Umgebung gecheckt hatte (das einzige Element der Brücke was ich selber bediente).

Dennoch gab es einen schönen Sonnenuntergang und ein sonst erfolgreicher Tag ging zu Ende. Doch mir war bewusst: Die Reise geht allmählich auch zu Ende. Der nächste Tag sollte schon der letzte volle Tag sein.















Am Abend gab es noch ein paar Experimente mit diversen Lichtern, die Kapitän und Offiziere dankenswerterweise genehmigten, einzuschalten.

    

 

 Weitere Impressionen:







Ein Feeder vor der Küste Spaniens.



CSCL Arctic Ocean.

 

 

 

 

 

Grüezi wohl! Ein Blau-Weisser Delfin ruht sich neben unserer CMA CGM Alexander von Humboldt aus.



Gigantische Stimmung.



Die Colombo Express überholt uns erneut...



Mooring-Winde.









Tandem: Eine Schule Blau-Weisser Delfine spielt am Bug der CMA CGM Alexander von Humboldt.



Den Ring hätte ich gern als Souvenir mit. Die Stopfen rechts gehören zu Löchern im Boden, wahrscheinlich damit Wasser abläuft oder eben halt nicht.



Schon wieder weit voraus... die Colombo Express.




Fahrt in die Dämmerung.



In der Realität war es schon dunkel.



Nur am Horizont war es noch minimal hell.



Das Backoffice.



Die Mittelmeerkarte war derzeit ausgelegt. Also ein Teil davon.



Kaffeeecke. Man beachte den kleinen Tisch.



Fischer, Fischer, welche Fahne weht heute... (oben im Regal).



Der 3. Offizier gab mir noch die Karte der Elbe "zum spielen".



Diese hätte ich am liebsten so wie sie ist mit nach Hause und aufgehängt.



Ein nächtliches Experiment.














 
© Philipp Schäfer